MINT-Lehrer des Jahres

Tristan Becker wurde zum MINT-Lehrer des Jahres 2019 gewählt und hierfür mit dem Klaus-von Klitzing-Preis ausgezeichnet.
Wir gratulieren sehr herzlich und danken für alle bisherigen* und sicherlich auch zukünftigen Aktivitäten zur Förderung des SchülerInnen-Interesses an naturwissenschaftlichen Zusammenhängen!!!

*) ...nur ein paar Beispiele gefällig? WoKu-Sanis, Schulgarten, unzählige Exkursionen, Schülerfirma "The Green Club"...
 

Anlässlich der Preisverleihung zum „Lehrer des Jahres für naturwissenschaftliche Fächer“ am 26. November 2019 in Oldenburg entstand ein eindruckvolles Filmporträt - und seine eigenen Gedanken hat Herr Becker in seiner Dankesrede zusammengefasst (bitte lesen Sie selbst - es lohnt sich):
 

Liebe Mitmenschen,
jeder, der mich kennt, weiß: Ich wäre nur zu gern mit einem Darwin-Zitat in diese Rede eingestiegen. Ich habe auch etwas Passendes gefunden, jedoch dachte ich dann: Warum nicht die knappe Zeit nutzen, die dir gegeben ist, und die Worte selbst finden, um auszudrücken, was dir heute wirklich wichtig ist? Inspiriert wurde ich dazu durch die Worte einer Freundin, die mir riet, ganz ich selbst zu bleiben, denn so schätzten mich die Menschen nun mal am meisten. Welch ein Kompliment! Danke vielmals!

Zunächst empfinde ich große Dankbarkeit angesichts der Verleihung eines solch ernsthaften, wirkmächtigen Preises, der für mich mit einer großen Ehrung einhergeht. Dieser Dankbarkeit möchte ich zu allererst Ausdruck verleihen, indem ich mich an meine Schüler*innen richte: Ein ganz herzliches Dankeschön für die äußerst motivierte und motivierende Mitarbeit in unseren gemeinsamen Projekten sowie die rührenden und wirklich beeindruckenden Worte im Zuge der Bewerbung um diesen Preis. Ihr habt dies alles erst ermöglicht!

Allen ehemaligen Schüler*innen gilt es ebenso zu danken. Ihr habt in der Vergangenheit zur Entstehung einiger Projekte beigetragen und mich ebenso als Lehrer und Mensch entscheidend geprägt. Einige darf ich heute zu meinen Freunden zählen. Natürlich gilt mein Dank auch der Jury sowie insbesondere Herrn von Klitzing als Namensgeber des Preises, den ich nun in Händen halten darf. Ich danke der Ideengeberin für die Bewerbung um diesen Preis und ebenso für ihr Vertrauen sowie die Ratschläge im Zuge meines Lehrerdaseins. Es heißt, kein Mensch sei eine Insel - dies kann ich aus biologischer Sicht auf diversen Ebenen nur bestätigen. Für mich heißt dies, dass ich meinen Freunden und Kollegen*innen danke für ihren Rückhalt, ihre offenen Ohren, ihre Unterstützung und die Zeit, die sie mit mir verbringen. Auch, wenn es im Zuge mancher akribischer Unterrichts- oder Projektvorbereitung so wirkt, als ziehe ich mich gedankenversunken auf eine einsame Insel zurück, weiß ich dennoch, dass es da immer meine Frau gibt, die es versteht, mit dieser „Verinselung“ umzugehen und mich auch von dort wieder in den Alltag abholt. Ich danke Dir für Deine Geduld und unsere Partnerschaft!

Dieser Preis ist für mich Auszeichnung und Appell gleichzeitig. Denn bei aller Freude über solch einen außergewöhnlichen Moment der Ehrung wie gerade jetzt möchte ich nicht vergessen, worum es wirklich geht: Ich möchte ein guter Lehrer sein!

Der Grund hierfür ist einfach: Ich liebe meine Fächer und wollte seit Schulzeiten etwas mit Biologie und Geschichte in meinem Leben anfangen. Insbesondere die Liebe zur Naturwissenschaft, allen voran zur Biologie, konnte ich durch großartige, inspirierende Lehrer*innen an der Universität in Essen in ungeahntem Maße vertiefen. Ich danke meinen Universitätsdozenten*innen für die Förderung einer bis heute anhaltenden Motivation und der Begeisterung an der Sache (bzw. den Sachen)! Hierin nun liegt eine Erfahrung, die ich als Lehrer verinnerlicht habe und die ich für entscheidend halte, um das Zusammenleben unserer Gesellschaft(-en) weltweit nachhaltiger zu entwickeln: Wir brauchen gute Lehrer*innen und sollten unser Augenmerk vielmehr auf die Bildung und Erziehung unserer nachwachsenden Generationen wenden! Dies richte ich auch als Appell an die Politiker*innen und Wähler*innen hier bei uns in Deutschland, aber sehe es per se als eine wichtige globale Zukunfts- und Entwicklungsaufgabe an.

Was ich meinen Schülern*innen mitgeben möchte, ist vor allem eine möglichst breite Wissensbasis, die sich aus Fakten, aber auch aus Handlungskompetenzen sowie aus Fähigkeiten zusammensetzt, eigene Urteile und Wertungen auf der Grundlage eines bestmöglichen Wissens und Gewissens abzuleiten. Nur wer weiß, was ist und wie es geht, kann meiner Ansicht nach bestmöglich handeln und urteilen! Und darum geht es heute angesichts der großen Zivilisationsaufgaben unserer Zeit: Fragen zur Beendigung von Kriegen und globalen Konflikten, zur Beseitigung von Hunger und weltweitem Leid drängen nach Antworten - Hand in Hand mit der großen Klimakrise, die wie keine andere von vielen Experten*innen und immer mehr Laien zu Recht als übergeordnet bedrohlich angesehen wird. Ich sehe die Naturwissenschaften hier per se in einer Vorreiteiterolle in der Entwicklung neuer Strategien im Umgang mit den erwähnten Krisen. Die Naturwissenschaften liefern seit Jahrhunderten Erkenntnisse, die von uns allen interpretiert und persönlich beurteilt werden sollten, um sie dann demokratisch zu verhandeln. Wir sind heutzutage in der Lage, fundiert und mit guten Argumenten sogar gegen den Speziezismus vorzugehen, wenn wir das wollen. Ich meine, dies ist längst überfällig und fordere uns alle mit Nachdruck dazu auf, hier durch entsprechendes Handeln tätig zu werden: Bilden Sie sich eine Meinung, äußern Sie diese und werden Sie (politisch) aktiv!
 
In einer Gesellschaft ohne Rassismus und Speziezismus, ohne Ausgrenzung und Diskriminierung jedweder Art, wird auch Homo sapiens im Kontext seiner übrigen Verwandten weltweit besser leben, davon bin ich nach dem Studium der Geschichte und Biologie fest überzeugt. Eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit jeglicher Art, soviel sei noch angemerkt, ist für mich zum Großteil auch immer noch ein Bildungsproblem und dies neben anderen anzugehen, ist eine große Motivation für mich.

Meine Aufforderung wirklich etwas zu tun – gegen Ausgrenzung und für die Gewährleistung der Menschenrechte – möchte ich mit einem letzten Gedanken verbinden, der mir wichtig ist. Allzu oft bleibt Schule, bleibt Lehre generell zu passiv und theoretisch. Sind Sie Lehrer*in: Experimentieren Sie, gehen Sie mit Ihren Schüler*innen raus in die Welt und lassen Sie sie möglichst vielfältig die Praxis erleben! Bist Du Schüler*in: Setze Dich aktiv mit den Lerninhalten auseinander und frage Dich, was das mit Dir zu tun hat und leite daraus Deine Schlüsse ab: Was interessiert Dich? Wie kannst Du Dich engagieren? Fordere vielfältige Perspektiven und bringe Ideen selbst mit ein! Bist Du ein Mensch, dem nicht alles vollkommen egal ist: Frage Dich, wie kann ich einen kleinen oder großen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung unserer Zivilisation leisten, denn darum wird es in den kommenden Jahren und Generationen entscheidend gehen!

Leitet aus Euren Ideen und Meinungen auch Taten ab und bleibt nicht stumm oder untätig! Überlasst die Welt nicht Rassisten und Faschisten, Antidemokraten, Despoten, „Klimawandel-Skeptikern“, Impfgegnern, Esoterikern, Wunderheilern und nicht den Dogmatikern! Mit Hilfe der Naturwissenschaften ist es möglich, auf viele Probleme unserer Zeit gute und nachhaltige Lösungen zu finden und ich bin gespannt, ob uns dies als Menschheit gelingen wird.

Ich möchte Euch und Ihnen noch mit auf den Weg geben, was Richard Dawkins in einem seiner brillanten Bücher über Werte der Wissenschaft schrieb: „Die Gewohnheit, Autoritäten infrage zu stellen, ist eine der wertvollsten Gaben, die ein Buch oder ein Lehrer einem jungen zukünftigen Wissenschaftler mitgeben kann. Nimm nicht einfach hin, was alle dir sagen, sondern denke selbst.“ [2] Ich bin der Ansicht, dies sollte nicht nur für angehende Wissenschaftler*innen oder für Lehrer*innen gelten, sondern für so viele Menschen wie es eben geht – und dies gegenwärtig sowie in Zukunft, um der Zivilisation auf diesem Planet ein vernünftiges, aufgeklärtes sowie bestmögliches Leben zu ermöglichen.

Sapere aude! Seid mutig, denkt selbst und tut etwas! #beadoer
 
Ihnen und Euch allen ein gesundes sowie langes Leben und
Glück Auf!
 
 
Tristan Becker
KLAUS-VON-KLITZING-PREISTRÄGER 2019
 
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Tristan Becker unterrichtet Biologie, Geschichte sowie Praktische Philosophie am Gymnasium an der Wolfskuhle in Essen.

[1] Gewidmet: Meinen Eltern (posthum), meinen Schülerinnen und Schülern sowie meinen Lehrern*innen
[2] Richard Dawkins: Forscher aus Leidenschaft. Gedanken eines Vernunftmenschen, hg. v. Gillian Somerscales, Ullstein 2018, S. 118