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6. Oktober 2023

LernFerien NRW “Ideologie und Wirklichkeit”

Ich nahm vom 2. bis 6. Oktober an dem Camp „Ideologie und Wirklichkeit” im Rahmen des Programmes „Begabung fördern“ der Lernferien NRW teil.

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Beim diesjährigen Schulradeln sind wir momentan auf dem dritten Platz unter allen Essener Schulen – der Abstand zu Platz vier wird jedoch gerade geringer…

Daher möchte ich nochmals um Ihre/eure Unterstützung bitten…

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Wir danken – auch im Namen des Fördervereins – herzlich für Ihr/euer Engagement bei der diesjährigen SpardaSpendenWahl…

Ich hatte mich für dieses Camp entschieden, da mich das Thema interessierte und ich neugierig darauf war, in einem anderen Kontext als Schule mit anderen Jugendlichen zu lernen.

Wir trafen uns an der Wolfsburg in der Eifel, fuhren jedoch nach kurzem Kennenlernen und dem Vorstellen unserer Erwartungen sowie des Programmes weiter nach Mühlheim in die Nähe der früheren Ordensburg Vogelsang. Allgemein beschäftigten wir uns eine Woche lang damit, wie in der NS-Zeit ausgewählte Parteiangehörige in sogenannten Ordensburgen zu Führungskräften ausgebildet wurden und inwiefern diese Ausbildung letztendlich den ursprüngliche Erwartungen entsprach. Dafür besuchten wir unter anderem eine Ausstellung und erkundeten den Außenbereich der Ordensburg Vogelsang. Selbstverständlich werde ich nicht auf alles eingehen, was ich in einer Woche voller neuer Eindrücke und Informationen gelernt habe, jedoch von meinen für mich einprägsamsten Eindrücken berichten.

Zunächst war es spannend die verschiedenen Leute kennenzulernen und die unterschiedlichen Gründe, aus denen sie da waren. Auch unsere Teamer waren sehr sympathisch und bemühten sich, auf unsere Vorschläge und Fragen einzugehen, außerdem ermöglichten sie uns viel Freizeitgestaltung. Am interessantesten waren für mich jedoch die Seminare und besonders die Ausstellung zum Thema „Herrenrasse Mensch“ auf dem Gelände der Ordensburg Vogelsang. Die meisten von uns befassten sich sehr intensiv mit den Texten, Bildern und Aufnahmen, so unterschied sich die Atmosphäre von der, die ich aus Museen normalerweise kenne. Wir setzten uns auch auf Grund unserer Aufgabe für die Woche so genau mit der Thematik auseinander: Wir sollten im Laufe der Woche etwas fotografieren, das uns inspiriert und dazu ohne weitere Vorgaben einen Text verfassen und unsere Gedanken schildern. Ich persönlich entschied mich schnell für das Motiv eines alt aussehenden Baumes und dazu, einen Poetry-Slam-artigen Text aus der Perspektive des Baumes zu schreiben, welcher sozusagen das Geschehen um ihn herum beobachtet.  Abgesehen davon waren die meisten von uns sich darüber im Klaren, dass es ein Privileg war, überhaupt da sein und kostenlos an dem Programm teilnehmen zu dürfen.

Besonders faszinierte mich in der Ausstellung eine Originalaufnahme der Rede eines Nationalsozialisten, der Akzent und die Emotionen in seiner Stimme. Ich versuchte mir vorzustellen, wie eine solche Rede die Hörer damals bewegt hat. Eindruck hat bei mir auch eine Aussage eines Lastwagenfahrers hinterlassen, der im Rahmen der Entnazifizierungsverfahren nach dem zweiten Weltkrieg nicht schuldig gesprochen worden war. Er hatte sich selbst als unschuldig empfunden, obwohl es sein Job gewesen war, zahlreiche Juden zu einem Feld zu transportieren, auf dem sie nacheinander erschossen wurden. Mir wurde bewusst, wie verwaschen die Grenze zwischen Opfer und Täter manchmal sein kann, besonders wenn man die Gehirnwäsche der Nazis, die Verzweiflung und das allgemeine Denken damals miteinbezieht.

Um Inspiration für unsere Arbeitsaufträge zu finden, erkundeten wir ausführlich das Gelände, da wir hauptsächlich draußen fotografieren durften und Motive der Ausstellung aus urheberrechtlichen Gründen natürlich auch nicht ohne Weiteres verwenden konnten. Teilweise besteht auch die Sorge, dass Fotos eventuell von rechtsextremen Gruppen missbraucht werden und zum Beispiel im Internet die falsche Art von Aufmerksamkeit erregen könnten. In dem ehemaligen Schulgebäude der Ordensburg war es beispielsweise nicht erlaubt, Bilder zu machen. Es war ein komisches Gefühl dort zu stehen, immerhin befanden wir uns an einem Täterort, auch wenn man dies in der schönen, idyllischen Natur der Eiffel manchmal beinahe vergaß. In einem solchen Gebäude zum Beispiel waren zwar keine Menschen umgebracht worden, jedoch fand hier unter anderem der Unterricht „Rassenkunde“ statt, hier wurde das Bewusstsein geformt, welches letztendlich zu der Ermordung von Millionen von Juden und weiteren Angehörigen von Minderheiten führte. Es waren Schüler wie wir, die hier lernten. Die dachten, sie seien für etwas Höheres bestimmt, deren Gemeinschaftssinn ihre Existenz als Individuum schon völlig in den Schatten stellte. Oder die ihre Ausbildung schlicht als Ausweg aus finanziellen Problemen betrachteten, als Sprungbrett für ihre Karriere. Kaum einer ahnte damals, dass dies alles nach nur drei Jahren mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges abgebrochen werden würde.

Ich empfand es als herausfordernd, als wir die Aufgabe bekamen, in Kleingruppen an verschiedenen Orten des Geländes Präsentationen vorzubereiten. Uns stand dabei ein Ordner mit Informationen sowie unser sonstiges bisher erlangtes Wissen zur Verfügung. Meine Gruppe hielt sich im früher sogenannten „Kameradschaftshaus“ auf, ein Begriff der auf Grund der Wortwahl nun meistens durch „Aufenthaltshaus“ ersetzt wird. Wir schafften es durch Arbeitsteilung und konzentriertes Arbeiten in der Zeit gerade noch fertig zu werden und unsere Ergebnisse den anderen sehr frei und ausführlich vorzustellen. Für mich war das eine gute Erfahrung, da man, wie ich finde, so am besten effektives Arbeiten lernt und das Präsentieren vor einer größeren Gruppe, besonders wenn einem kaum Zeit für die Vorbereitung bleibt.

Schließlich möchte ich noch von einem Seminar zum Thema Grauzonen des Nationalsozialismus erzählen, da dies ebenfalls für mich einen Höhepunkt der Lernferien darstellte. Dabei beschäftigten wir uns mit drei verschiedenen modernen Songs und analysierten die Lyrics. Einige waren verklausuliert. Ich fand es aber auch erschreckend, wie viele offen rechtsextreme, nationalsozialistische Aussagen die Texte  beinhalteten. Die Musikvideos, die wir auf YouTube fanden, meldeten wir. Bei dem Lesen der Kommentare schockierte mich die Vorstellung, dass rechtextreme Gruppen so einen Raum zu ihrer Verfügung haben und wie leicht es sein kann vor allem jüngere Menschen durch ansprechende Musik zu beeinflussen. Bei den Songs handelte es sich teilweise um aggressiv wirkenden Rap, dessen Text kaum zu verstehen war, aber auch um Popsongs mit Ohrwurmpotenzial oder mit Gitarre begleitete „Lagerfeuerlieder“.

Für mich waren die Lernferien zusammenfassend eine ganz neue Erfahrung, von der ich sehr viel mitnehmen konnte. Die Thematik ist meiner Meinung nach definitiv etwas, womit sich jeder, besonders jeder Deutsche, einmal genauer befassen sollte und ich persönlich konnte mir vor den Ferien unter dem Begriff „Ordensburgen“ noch kaum etwas vorstellen. Besonders ist mir nach dieser Woche der unfassbare Größenwahn der Nazis deutlich geworden und nun fällt es mir leichter nachzuvollziehen, was die Menschen damals motiviert hat. Das Programm war in vieler Hinsicht bewusstseinsschärfend und sehr informativ auf eine sehr praktische Weise, wie es in der Schule meistens einfach nicht möglich ist. Letztendlich hatten wir wahrscheinlich sogar mehr Freizeit als notwendig gewesen wäre, aber wie gesagt, fand ich es auch interessant, eine Gruppendynamik zu erleben, die sich von Freizeiten, auf denen ich bisher gewesen bin, unterschied. Auf jeden Fall bin ich sehr dankbar dafür, die Möglichkeit gehabt zu haben, an einem Camp der Lernferien NRW teilzunehmen.

(Franka Bode, Q1)